Was ist Allgemeinmedizin?

Die Wesensmerkmale der Allgemeinmedizin als Disziplin:

a) Die Allgemeinmedizin stellt normalerweise den ersten medizinischen Kontaktpunkt im Gesundheitssystem dar und gewährleistet einen offenen und unbegrenzten Zugang für alle Nutzer und für alle Gesundheitsprobleme, unabhängig von Alter, Geschlecht oder anderen Merkmalen der betroffenen Person.

Die Verwendung des Begriffs „normalerweise“ weist darauf hin, dass die Allgemeinmedizin unter bestimmten Umständen, z.B. im Falle schwerer Traumata, nicht den ersten Kontaktpunkt darstellt. Sie sollte jedoch in der Mehrzahl der Fälle dieser erste Kontaktpunkt sein. Es sollte keine Zugangsbeschränkungen geben und Hausärzte sollten sich aller Patienten, unabhängig von Alter, Geschlecht und Art des Gesundheitsproblems, annehmen. Die Allgemeinpraxis ist die wesentliche und erste Quelle der Versorgung. Sie deckt ein weites Tätigkeitsfeld, das durch die Bedürfnisse und Wünsche der Patienten bestimmt wird, ab. Diese Sichtweise eröffnet der Disziplin ein vielfältiges Aufgabengebiet und die Möglichkeit ihres Einsatzes bei der Bewältigung individueller und gemeinschaftsbezogener Probleme.

b) Sie nutzt die Ressourcen des Gesundheitssystems auf effiziente Weise durch Koordinierung der Betreuung, Zusammenarbeit mit anderen im Bereich der Primärversorgung tätigen Berufen, und durch das Management der Schnittstelle zu anderen Spezialgebieten, wobei sie nötigenfalls die Rolle als Interessenvertreterin von Patientenanliegen übernimmt.

Diese Koordinierungsrolle ist ein Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit einer qualitativ hochstehenden Primärversorgung, denn sie gewährleistet, dass die Patienten an den für ihr Problem am besten geeigneten Ansprechpartner im medizinischen System gelangen. Die Zusammenführung der verschiedenen Leistungserbringer, die entsprechende Weiterleitung von Information und die Vereinbarung, wer Behandlungen verordnet, macht eine koordinierende Stelle erforderlich. Die Allgemeinmedizin kann diese Schlüsselrolle übernehmen, sofern die strukturellen Bedingungen dies zulassen. Die Zusammenarbeit aller gesundheitsbezogenen Berufe als Team mit dem Patienten im Mittelpunkt ist der Qualität der Versorgung förderlich. In ihrer Funktion als Schnittstelle zu anderen Fachgebieten stellt die Allgemeinmedizin sicher, dass Patienten, welche hochtechnologischer Leistungen aus dem Bereich der Sekundärversorgung bedürfen, einen geeigneten Zugang dazu erhalten können. Die Disziplin hat außerdem die Aufgabe, die Interessen der Patienten zu vertreten und sie vor Schaden zu bewahren, der durch unnötige Vorsorgeuntersuchungen, Tests und Behandlungen erwachsen kann, sowie Orientierung auf dem Weg durch die komplexen Strukturen des Gesundheitssystems anzubieten.

c) Sie arbeitet mit einem personenbezogenen Ansatz, der auf das Individuum sowie auf dessen Familie und Lebensumfeld ausgerichtet ist.

Die Allgemeinmedizin beschäftigt sich mit Menschen und deren Problemen im Kontext ihrer Lebensumstände, nicht jedoch mit unpersönlichen Pathologien oder „Fällen“. Der Ausgangspunkt des Prozesses ist stets der Patient. Ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Patienten ihre Krankheit bewältigen und betrachten, ist für den Allgemeinmediziner ebenso wichtig wie die Behandlung der Krankheit selbst. Der gemeinsame Nenner ist die Person mit ihren Überzeugungen, Ängsten, Erwartungen und Bedürfnissen.

d) Sie bedient sich eines besonderen Konsultationsprozesses, der durch effektive Kommunikation zwischen Arzt und Patient den Aufbau einer Langzeitbeziehung ermöglicht.

Jeder Kontakt zwischen Patient und Hausarzt trägt zur Entwicklung einer Beziehung bei, und jede Konsultation baut auf der bereits gesammelten, gemeinsamen Erfahrung auf. Diese persönliche Beziehung hängt in ihrer Wertigkeit von den kommunikativen Fähigkeiten des Hausarztes ab und ist ein Therapeutikum an sich.

e) Sie ist für eine durch die Bedürfnisse des Patienten bestimmte Langzeitbetreuung verantwortlich.

Der allgemeinmedizinische Ansatz muss von der Geburt (manchmal auch davor) bis zum Tod (manchmal auch danach) konstant bleiben. Er gewährleistet Kontinuität der Betreuung durch lebenslange Begleitung des Patienten. Die medizinische Akte ist der ausdrückliche Beweis dieser Konstanz. Sie ist das objektive Gedächtnis der Konsultationen, aber dennoch nur einTeil der gemeinsamen Geschichte von Arzt und Patient. Hausärzte betreuen Patienten während langer Lebensabschnitte und im Laufe zahlreicher Krankheitsepisoden. Sie sind für die Gewährleistung einer gesundheitlichenVersorgung rund um die Uhr verantwortlich. Wenn sie zur persönlichen Leistungserbringung nicht in der Lage sind, geben sie diese in Auftrag und koordinieren sie.

f) Sie verfügt über einen spezifischen Entscheidungsfindungsprozess, der durch die Prävalenz und Inzidenz von Krankheit in der Bevölkerung bestimmt wird.

In der Primärversorgung (Grundversorgung) tätige Hausärzte sind mit Problemen in völlig anderer Form konfrontiert als Ärzte in der Sekundärversorgung. Die Prävalenz und Inzidenz von Krankheiten unterscheiden sich von jenen im Krankenhausumfeld, und die Häufigkeit schwerer Erkrankungen ist in der Allgemeinpraxis geringer, da keine Vorselektion erfolgt. Dies erfordert einen spezifischen, auf Wahrscheinlichkeit basierenden Prozess der Entscheidungsfindung, der auf der Kenntnis der Patienten und des Umfeldes aufbaut. Der positive oder negative Vorhersagewert eines klinischen Symptoms oder eines diagnostischen Tests hat in der Allgemeinmedizin ein anderes Gewicht als im Krankenhausumfeld. Hausärzte müssen oft Patienten mit Angst vor einer Krankheit beruhigen, indem sie die befürchtete Krankheit ausschließen.

g) Sie befasst sich gleichzeitig mit den akuten und chronischen Gesundheitsproblemen der einzelnen Patienten.

Die Allgemeinmedizin hat sich mit allen gesundheitlichen Problemen des einzelnen Patienten zu beschäftigen. Sie kann sich nicht auf die Behandlung der präsentierten Krankheit allein beschränken; oft muss der Arzt gleichzeitig mehrere Probleme handhaben. Der Patient konsultiert den Arzt oft mit mehreren Beschwerden, deren Zahl mit dem Alter zunimmt. Das gleichzeitige Eingehen auf mehrere Bedürfnisse erfordert eine hierarchisches Management der Problemlösung, das den Prioritäten des Patienten und des Arztes Rechnung trägt.

h) Sie befasst sich mit Erkrankungen, die sich im Frühstadium ihres Auftretens in undifferenzierter Form darstellen und möglicherweise eine dringende Intervention erfordern.

Patienten suchen den Arzt oft beim ersten Auftreten von Symptomen auf. Das Stellen einer Diagnose kann in diesem frühen Stadium schwierig sein. Dies bedeutet möglicherweise, dass für den Patienten wichtige Entscheidungen auf der Grundlage begrenzter Informationen getroffen werden müssen und dass der prädiktive Wert klinischer Untersuchungen und Tests weniger sicher ist. Selbst wenn die Zeichen einer bestimmten Krankheit allgemein wohl bekannt sind, muss dies für ihre frühen Anzeichen nicht zutreffen; diese sind oft nicht spezifisch und für viele andere Krankheiten gleich. Risikomanagement wird unter diesen Umständen zu einem Schlüsselelement der Disziplin. Sobald ein abwendbarer gefährlicher Verlauf ausgeschlossen ist, obliegt es der Entscheidung des Arztes, weitere Entwicklungen abzuwarten und die Situation später neu zu überprüfen. Das Ergebnis einer einzelnen Konsultation bleibt oft auf ein oder mehrere Symptome beschränkt, die zwar einen allgemeinen Hinweis auf eine Erkrankung, aber kaum eine vollständige Diagnose liefern.

i) Sie fördert Gesundheit und Wohlbefinden durch angemessene und wirksame Intervention.

Interventionen müssen angemessen, wirksam und, soweit wie möglich, nachweisbezogen sein. Eine unnötige Intervention kann Schaden anrichten und stellt eine Vergeudung wertvoller Ressourcen des Gesundheitssystems dar.

j) Sie trägt eine spezifische Verantwortung für die Gesundheit der Allgemeinheit.

Die Disziplin anerkennt ihre Verantwortung in Gesundheitsfragen sowohl gegenüber dem einzelnen Patienten als auch gegenüber der Gemeinschaft. Dies kann unter Umständen zu Spannungen und Interessenskonflikten führen, die entsprechend bewältigt werden müssen.

k) Sie beschäftigt sich mit Gesundheitsproblemen in ihren physischen, psychologischen, sozialen, kulturellen und existentiellen Dimensionen.

Die Disziplin muss all diesen Dimensionen gleichzeitig gerecht werden und sie in geeigneter Weise gewichten. Krankheitsverhalten und Krankheitsmuster sind vielfältig und Interventionen, die nicht auf die Beseitigung der Wurzel des Problems abzielen, können viel Leid verursachen.

 

 

 

 

 

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Europäische Gesellschaft für Allgemeinmedizin 2002